Arbeitskreis Psychologie

 

 Allgemeines
 

Was PsychologInnen in der Rehabilitation leisten

Vom Bruch zur Kontinuität

PsychologInnen unterstützen die PatientInnen und ihre Angehörigen im seelischen Anpassungsprozess, den die Querschnittlähmung verlangt. Kurzfristig zielen die psychologischen/psychotherapeutischen Interventionen auf das Überwinden einer akuten Krise und die Befähigung, den Rehabilitationsprozess aktiv zu nutzen. Langfristig ist die Befähigung zu einem sinnerfüllten Leben mit der Querschnittlähmung das Ziel. PsychologInnen und PsychotherapeutInnen helfen mit, seelische und körperliche Folgeschäden, die durch misslungene Anpassungsprozesse entstehen, zu verhindern.

Helfen, sich selbst zu helfen

Vieles, was bisher selbstverständlich und gewohnt war, ist durch die Querschnittlähmung abhanden gekommen. PsychologInnen helfen mit, die damit verbundene Angst und Verunsicherung zu überwinden und neues Selbstvertrauen zu entwickeln. Die Psychotherapie gibt Raum für die Frage: Was ist eigentlich mit mir und um mich herum geschehen? Gemeinsam suchend kann wieder eine sinngebende innere Ordnung gefunden werden.

Verstehen und Handeln

Um zu wissen, was zu tun ist, müssen wir wissen, was los ist. PsychologInnen helfen im Behandlungsteam mit, ein möglichst umfassende Analyse der Lebenssituation zu erstellen, in der sich PatientInnen befinden. Daraus leiten sich Behandlungsstrategien ab.

Rehabilitationsarbeit verlangt systemisches Denken und Handeln

Betroffen von einer Querschnittlähmung ist nicht nur ein Einzelner. Der soziale Bezugsrahmen - angefangen bei der Familie über die Freunde bis zu Bekannten und Vertretern von Versicherungen, Behörden und Politik - muss sich damit genauso auseinandersetzen und beeinflusst in umgekehrter Richtung auch den Verarbeitungsprozess Direktbetroffener. PsychologInnen setzen deshalb in der Behandlung da an, wo mit möglichst wenig Ressourcen ein Maximum an positiver Veränderungs- und Anpassungswirkung erzielt werden kann.

Rehabilitationsarbeit ist Teamarbeit

Behandelnde verschiedenster Berufsgruppen begleiten und unterstützen die PatientInnen und Angehörigen im aufgezwungenen Prozess der Neuorientierung im Leben. Gemeinsam sind sie besser in der Lage, Probleme und Gefahren zu erkennen und zu entschärfen sowie Entwicklungspotentiale wahrzunehmen und zu fördern. PsychologInnen kommt dabei eine wichtige Funktion in der Teamunterstützung zu.

 


Die Ziele des Arbeitskreises Psychologie

Entwicklung

Der Erfahrungsaustausch mit FachkollegInnen dient der Weiterentwicklung des Fachgebietes Rehabilitationspsychologie, aber auch der persönlichen Standortbestimmung als Berufsfachfrau oder Berufsfachmann.

Zusammenarbeit

Über die Landesgrenzen hinweg arbeiten PsychologInnen zusammen an Projekten, die zum Ziel haben, die Bewältigungsarbeit von Querschnittgelähmten und Angehörigen zu fördern. Es werden Informationsmaterialien und Fortbildungsgänge für Rehabilitationsfachleute entwickelt.

Forschung

Nationale und internationale Forschungsvorhaben untersuchen die Qualität und Effizienz psychologischer und psychotherapeutischer Arbeit im Speziellen, aber auch der Rehabilitationsarbeit insgesamt.

 

lic. phil. Daniel Stirnimann
Leiter Beratende Dienste
ParaCare Balgrist
Behandlungs- und Forschungszentrum für Paraplegie
der Universitätsklinik Balgrist
Forchstraße 340
CH-8008 Zürich

 Psychologie

 

Die Aufgabe der unterschiedlichen Berufsgruppen in der Rehabilitation Querschnittgelähmter

 

Neuro-Urologen

Das Fach Urologie beschäftigt sich traditionell mit den Erkrankungen und Verletzungen der Nieren, Harnleiter, Blase, Harnröhre und der männlichen Geschlechtsorgane. Die Urologen an den Querschnittgelähmten-Zentren sind aufgrund ihrer vielfältigen und z. T. jahrzehntelangen Erfahrungen hochspezialisiert auf die Diagnostik und Behandlung von Blasenlähmungen und ihren Folgen (Neuro-Urologie), wie sie bei fast jeder Querschnittlähmung, aber auch einigen anderen Verletzungsmustern (z.B. komplizierten Becken- und Kreuzbeinbrüchen, schweren Hirnverletzungen) und angeborenen oder erworbenen Rückenmarksveränderungen (z.B. bei Spina bifida bzw. Meningomyelocele, multipler Sklerose usw.) zu finden sind. 

In den letzten 25 Jahren konnten wesentliche Erkenntnisse in der Diagnostik und Behandlung der neurogenen Funktionsstörungen gewonnen werden. Unbehandelt führen solche Störungen kurzfristig zu einer Reduzierung der Lebensqualität, z.B. durch das Auftreten von Harnwegsinfekten oder Harninkontinenz. Mittel- und langfristig können daraus lebensbedrohliche und lebensverkürzende Funktionsstörungen entstehen, die in früheren Jahren oft zum tödlichen Nierenversagen führten. Hinsichtlich der Lebenserwartung  hat daher der Schutz der Nierenfunktion oberste Priorität. Darüber hinaus hat aber die möglichst mit der Querschnittlähmung einsetzende und lebenslang fortzuführende neuro-urologische Betreuung einen entscheidenden Einfluss auf die Lebensqualität.

Arbeitskreis der deutschsprachigen Neuro-Urologen

Der Arbeitskreis „Urologische Rehabilitation Querschnittgelähmter“ hat zwar Leitlinien zur urologischen Betreuung Querschnittgelähmter erarbeitet und veröffentlicht (hier bitte Hinweis auf den entsprechenden link) und aktualisiert diese regelmäßig. Ihre Umsetzung erfordert allerdings ein hohes Maß an neuro-urologischer Erfahrung und die Berücksichtigung der individuellen Lebensverhältnisse sowie des Lähmungsalters jeder/s einzelnen Betroffenen. So ergeben sich in den einzelnen Phasen nach einer Querschnittlähmung differenzierte Zielsetzungen:

Frisch Querschnittgelähmte

Bei frisch Querschnittgelähmten geht es in erster Linie um die Vermeidung von Frühkomplikationen wie Blasenüberdehnung, Harnwegsinfektionen, Steinbildung oder Harnröhrenschäden. An dieser Zielsetzung unter Berücksichtigung möglicher Vorerkrankungen oder Begleitverletzungen hat sich die Art (ggf. auch Frequenz) der Blasenentleerung zu orientieren.

Rehabilitation der Blase

Nach einigen Wochen (Abklingen des spinalen Schocks) geht es darum, den Blasenlähmungstyp zu klassifizieren, lähmungsspezifische und individuelle Risikofaktoren zu erfassen sowie ein auf die Bedürfnisse des querschnittgelähmten Individuums abgestimmtes Speicher- und Entleerungskonzept der Blase zu entwickeln. Zur Klassifizierung sowie zur Überprüfung der Effektivität aller gewählten Maßnahmen ist die Video-Urodynamik (umfassende Funktionsstudie der Blase mit bildgebender Durchleuchtung der unteren Harnwege) unverzichtbarer Bestandteil der Diagnostik.

Bis zur Entlassung aus der Erstrehabilitation sollten folgende Ziele erreicht sein:

Ausreichende Speicherfunktion mit physiologischer Blasenwand-Dehnbarkeit (Compliance), Harnkontinenz oder adäquate Inkontinenzversorgung, restharnarme Entleerung unter günstigen Blasendruckverhältnissen sowie größtmögliche Unabhängigkeit von fremder Hilfe. 

 

Langzeitbetreuung

Damit darf die neuro-urologische Betreuung jedoch nicht enden. Denn die neurogene Blasenfunktionsstörung ist kein statisches Geschehen. Sie hat eine Eigendynamik, die zu Veränderungen (funktionell oder später morphologisch) am unteren und oberen Harntrakt führt und auch die männlichen Sexualfunktionen negativ beeinflussen kann.

Es muss daher eine risiko- und patientenorientierte lebenslange, regelmäßige Betreuung zur Erhaltung bzw. Wiedererreichung der o.g. Ziele folgen. Dabei sollen alle Aktivitäten des täglichen Lebens von den Folgen der Blasenlähmung so wenig wie möglich beeinflusst werden.

Bewährt haben sich regelmäßige Kontrolluntersuchungen (Uro-Checks) am Neuro-urologischen-Zentrum oder Querschnittgelähmten-Zentrum mit neuro-urologischem Fachbereich. Bei komplikationslosem Verlauf sollten diese nach der Erstrehabilitation alle 6 – 12 Monate, später individuell risikoadaptiert, spätestens alle 2 Jahre, auf jeden Fall unter Einschluss einer Video-Urodynamik erfolgen.

Zwischendurch sind regelmäßige Harnkontrollen (z.B. wöchentlich durch Selbststix) auf jeden Fall spätestens alle 2 Monate durch den Hausarzt oder niedergelassenen Urologen erforderlich. Sonographien sollten alle 6 Monaten (Nieren, Blasenkonfiguration, Restharn), eine klinische Untersuchung mit Prüfung der Laborwerte alle 12 Monate am Heimatort erfolgen.

Sexualfunktionen

Die spezialisierte Tätigkeit der Neuro-Urologen bezieht auch die lähmungsbedingten Sexualfunktionsstörungen bei Männern (z.B. Erektionsstörung, Ejakulationsverlust) ein. Dazu gibt es dann auch konkrete medizinische Behandlungsangebote: z.B. Samengewinnung bei Kinderwunsch; Tabletten, Schwellkörperspritzen oder operative Eingriffe als Erektionshilfen.

An den Zentren werden – z.T. in Zusammenarbeit mit den Psychologen – spezielle Sprechstunden zu Partnerschaft und Sexualfragen für querschnittgelähmte Frauen und Männer angeboten.

Einige Querschnittgelähmten-Zentren bieten Patienten-Informationsseminare („Infogruppen“) an, wenige auch Mitarbeiterschulungen der unterschiedlichen Berufsgruppen im Umgang mit den Sexualfragen Betroffener.

Lebenserwartung und Lebensqualität

Die Lebenserwartung und Lebensqualität der/des Querschnittgelähmten hängen entscheidend von einer frühzeitig einsetzenden und konsequent fortgesetzten neuro-urologischen Betreuung ab. Sie erfordert neben der fachlichen und kommunikativen Kompetenz der Behandler die Einsicht und verantwortungsbereite Mitarbeit der/des Betroffenen.

Unter diesen Voraussetzungen ist ihre Lebenserwartung  in Abhängigkeit von Lähmungshöhe und Lähmungsausmaß kaum (z.B. motorisch komplette Tetraplegie) oder gar nicht eingeschränkt.

Hamburg, 18.04.2001

Dr. med. Harald Burgdörfer
Facharzt für Urologie
Wissenschaftlicher Beirat der DMGP
für den Fachbereich Neuro-Urologie