Ludwig Guttmann - Preis

 

Ludwig- Guttmann- Preisträger 2001: Gery Colombo

 

Der Ludwig- Guttmann- Preis 2001 wurde nach einstimmigen Beschluss des Preiskomités der DMGP an Hr. Dr. sc. techn. Gery Colombo vergeben für seine Arbeit:

"Entwicklung und Einsatz einer automatisierten Lokomotionstherapie für Querschnittgelähmte"

Das Preiskomité der DMGP attestierte der Arbeit einen ausgezeichneten Aufbau, gefolgt von einer sehr guten Entwicklung des Gerätes und sehr guter wissenschaftlicher Darstellung mit ausführlicher Schilderung der Methode der Lokomotionstherapie bei Querschnittgelähmten und der Problematik der Methode im Hinblick auf die Gewichtsabnahme durch Verwendung von Fallschirmgurtsystemen als Grundlage für die Entwicklung eines Lokomotionstrainers, der für die Patienten auf dem Laufband eingesetzt werden kann. Die Entwicklung dieses Gerätes wird mit wissenschaftlich belegten Daten über die Ganganalyse fundiert dargestellt. Hervorgehoben wird auch der Vorteil dieses entwickelten Systems in Bezug auf die Einstellmöglichkeiten auf unterschiedliche Beinlängen, Körpergrößen und Körperbreiten, bezogen auf den Beckengürtel, und der damit verbundenen Verwendbarkeit eines solchen Gerätes für eine Großzahl von Patienten einer Querschnittabteilung. Dieser "Gehautomat" kann sicher das weithin verbreitete Laufbandtraining verbessern und die Physiotherapeuten bei der Durchführung des Trainings entlasten (aber keineswegs die physiotherapeutische Tätigkeit und Überwachung ersetzen). Es wurde hier eine durchaus zukunftsweisende und wohl durchdachte Neuentwicklung, die in der Arbeit auch gut verständlich und mit durchaus kritischen Untertönen dargestellt wird, gesehen.

W.Strubreither"


 

Lebenslauf von Dr. G. Colombo

Gery Colombo, Jahrgang 1966, geboren in Zürich, wohnhaft in CH-8127 Forch,

 

1973-1978 Primarschule in Schaffhausen

1979-1986 Gymnasium und Maturität Typus C an der Kantonschule Oberwil (BL)

1987-1992 Studium der Elektrotechnik an der ETH Zürich, Vertiefung in Biomedizinischer Technik

1992 Abschluss als Eidg. Dipl. Elektroingenieur ETH

seit 1993 Laborleiter der Forschungsabteilung des ParaCare, Universitätsklinik Balgrist, Zürich

1999 Von der Schweizerischen Jungen Wirtschaftskammer für die Entwicklung des Lokomat zum ”Toyp” (The outstanding young person of Switzerland) in der Kategorie medizinische Innovation gewählt

2001 Im Januar Abgabe der 1997 begonnen Dissertation, Ernennung zum Doktor der technischen Wissenschaften, Dr. sc. techn.


Zusammenfassung

Eine Querschnittlähmung bedeutet für den betroffenen Menschen eine einschneidende Veränderung in seinem Leben. Neben vielen anderen Aspekten ist die Tatsache, dass der Patient nicht mehr gehen kann, die offensichtlichste und oft schwerwiegendste. In dieser Arbeit soll gezeigt werden, wie inkomplett querschnittgelähmten Patienten in Bezug auf ihre Gehfähigkeit mit Hilfe des Laufbandtrainings geholfen werden kann. In einem ersten Teil wird die Grundlage für dieses Lokomotionstraining erläutert, nämlich die Existenz von neuronalen Nervenzentren im Rückenmark, sogenannte Lokomotionszentren. Diese spielen eine wichtige Rolle bei der Kontrolle des Gehens. Am ParaCare, dem Behandlungs- und Forschungszentrum der Universitätsklinik Balgrist in Zürich konnten wir einen wesentlichen Teil des Nachweises für die Existenz solcher Zentren beim Menschen erbringen.

Aufbauend auf dieser Erkenntnis wurde begonnen, bei inkomplett Querschnittgelähmten regelmäßig ein Laufbandtraining durchzuführen. In einem frühen Stadium assistieren Physiotherapeuten bei diesem Training die Beine der Patienten. Dem Paraplegiker wird dazu ein spezieller Gurt angelegt, welcher über dem Laufband an einem Entlastungssystem angehängt wird. So werden die Patienten zu einem Teil von ihrem Körpergewicht entlastet. Bei diesem manuellen Training werden die Lokomotionszentren im Rückenmark der Patienten stimuliert und trainiert und der Patient lernt schneller und besser wieder zu gehen. Das Laufbandtraining ist oft dadurch eingeschränkt, dass die Therapeuten bei dieser Arbeit schnell ermüden. Zudem ist eine optimale Assistierung von der jeweiligen Erfahrung des Therapeuten abhängig. Aus diesen Gründen wurde am ParaCare eine angetriebene Orthese, der sogenannte Lokomat, entwickelt, welche es ermöglicht, die Beine des Patienten automatisch zu führen.

Der Lokomat ist eine in der Größe an verschiedene Patienten anpassbare Orthese, welche dem Patienten an den Beinen befestigt werden kann. Sie verfügt über vier Motoren, die jeweils die Hüft- und Kniegelenksbewegungen der beiden Beine antreiben; die Bewegung des Sprunggelenkes wird über einen passiven Fußheber realisiert. Als Antriebseinheiten wurden spezielle Kugelspindelantriebe entwickelt, welche bei geringem Eigengewicht und kleiner Bauweise genügend Leistung zur Verfügung stellen. Die Beinbewegungen werden mittels dieser Antriebe von einem Echtzeitsystem so geregelt, dass der Patient mit einem physiologischen Gangmuster auf einem Laufband geht. So wird ein zeitlich unbegrenztes Lokomotionstraining und eine Verbesserung der Effekte des Lokomotionstrainings möglich.

Der Einsatz des Lokomaten hat gezeigt, dass es möglich ist, bei Patienten die keine Gehfähigkeit besitzen, Schreitbewegungen auf dem Laufband zu induzieren. Die Anpassung des Lokomaten an verschiedene Patienten hat sich bewährt: es können verschieden große Patienten ohne Probleme für längere Zeit trainiert werden. Ein Vergleich von Muskelaktivitätsmessungen an paraplegischen Patienten während dem manuellen und dem automatisierten Training zeigt, dass die afferente Stimulation der Lokomotionszentren gleichwertig sein sollte. Eine definitive Aussage über den Erfolg des Lokomaten wird erst möglich sein, wenn mehrere Patienten über längere Zeit trainiert worden sind, die ersten Resultate sind aber vielversprechend.