| Ludwig Guttmann - Preis |
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Ludwig- Guttmann- Preisträger 2003: Anke Scheel
Welche therapeutischen Wirkungen haben Kunsttherapien in der Erstbehandlung querschnittgelähmter Patienten? Eine qualitative Untersuchung von 21 am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke behandelten Patienten.
Lebenslauf von Anke Scheel
Abstrakt Kunsttherapien (Maltherapie, Musiktherapie und Heileurhythmie) ergänzen das Konzept der gängigen Behandlung querschnittgelähmter Patienten am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. In der folgenden Untersuchung sind 21 Patienten in ihrer Rehabilitation nach dem Eintritt einer Querschnittlähmung nach qualitativer Methode unter besonderer Berücksichtigung der Kunsttherapien untersucht worden. In einem ersten Schritt konnten typische Entwicklungsphasen herausgearbeitet werden, die in Abhängigkeit der Schwere der Behinderung von unterschiedlicher Länge waren, aber bei jedem Patienten darstellbar waren. Aus diesen Rehabilitationsverläufen wurde die Einschätzung einer Prognose zur qualitativen Beschreibung kunsttherapeutischer Effizienz erarbeitet. In einem zweiten Schritt konnte dann dargestellt werden, dass die Patienten durch die Anregung der Kunsttherapien bestimmte Entwicklungsschritte machen konnten, die ihnen eine Entwicklung in die Akzeptanz ermöglichten und damit zu einem besseren Outcome beitrugen. Abschließend konnten Leitlinien zur Verordnung von Kunsttherapien in der Erstrehabilitation querschnittgelähmter Patienten herausgearbeitet werden. Methode Die qualitative
Methode nach Aldridge, Corbin und Strauss ermöglicht die Erfassung
komplexer Wirkungszusammenhänge unter Berücksichtigung individueller
Entwicklungen mit dem Ziel allgemeingültiger Gesetze. Alle Patienten,
die zwischen August 1996 und 1998 zur Erstrehabilitation nach neu
eingetretener Querschnittlähmung im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke
waren, wurden in die Untersuchung aufgenommen. Die Querschnittlähmungen
waren traumatisch- oder krankheitsbedingt, Tumorerkrankungen wurden
ausgeschlossen. Alle 21 Patienten hatten während ihrer Behandlung
mindestens eine Kunsttherapie. Die Untersuchung
basiert auf drei Säulen: 1.
qualitative Analyse aller patientenbezogenen Aufzeichnungen 2.
Verlauf in den Kunsttherapien aus Sicht der Therapeuten 3.
Offene Interviews der Patienten ½ bis 1 Jahr nach der Entlassung. Qualitative Analyse aller Krankengeschichten Die
Aufzeichnungen aller in der Rehabilitation tätigen Berufsgruppen (Ärzte,
Pflegende, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Sozialarbeiter) aus ihrer (fach-)spezifischen
Perspektive, ergänzt durch die interdisziplinären Gespräche wurden
synchronisiert und parallelisiert. Diese Daten wurden in vier übergreifende
Bereiche gegliedert (physische Grundlage, funktionelle Entwicklung,
seelische Ebene, Ich Initiative). Aus dieser Übersicht ließen sich
wochenübergreifende Kategorien herauskristallisieren, so dass jede
Rehabilitation in ihrem individuellen Verlauf beschrieben werden konnte.
Anschliessend wurden alle Rehabilitationsverläufe synchronisiert und
verglichen. Daraus konnte allgemein überindividuell Gültiges
selektioniert werden. Offene Interviews der Patienten nach der Entlassung Um die
Perspektive der Pflegenden, Therapeuten und Ärzte zu ergänzen, wurden ½
bis 1 Jahr nach der Entlassung offene Interviews mit den Patienten
durchgeführt. Damit wurden die Wahrnehmungen des multiprofessionellen
Teams durch die Eigenwahrnehmung und Bewertung des Patienten selber ergänzt.
Damit konnte der Auswertung eine zusätzliche Dimension gegeben werden, um
aus der primär subjektiv geprägten Wissenschaft eine Ergänzung hin zu
mehr Objektivität zu geben. Themen des
Interviews waren ·
Allgemeine Eindrücke und Erlebnisse aus der ersten Zeit ·
Wirkungen der Kunsttherapien im Besonderen ·
Umgang mit einzelnen Symptomen Anhand der aus
der Analyse der Krankengeschichten entwickelten Kriterien konnten die
Patienten somit in die verschiedenen Phasen eingeteilt und die Wirkungen
der Kunsttherapien beurteilt werden. Bei jedem
Patienten zeigten sich folgende drei Phasen, bei einigen Patienten auch
die vierte Phase: 1.
Akutphase: Erhaltung des Lebens im „neurogenen“ Schock 2.
Lernphase: ständiges Erringen neuer Fähigkeiten, ein Geschenk 3.
Konsolidierungsphase: Gewöhnung an ein Leben mit einer Behinderung. 4.
Akzeptanzphase: Sinngebung und Integration in die eigene Biographie Tetraplegische
Patienten zeigten längere Phasen, Patienten mit tiefer lumbaler
Querschnittlähmung kürzere und zum Teil weniger intensive Phasen. Sowohl
die Phasen als auch die Phasenübergänge waren an bestimmten Kriterien zu
erkennen. Zusammenfassend
konnten 4 Gruppen differenziert werden: 6 Patienten entwickelten sich in
die Akzeptanzphase, in der sie verblieben, 3 Patienten wurden in der
Konsolidierungsphase entlassen und entwickelten sich eigenständig in die
Akzeptanzphase, 5 Patienten entwickelten sich aus der Akzeptanzphase zurück
in die Konsolidierungsphase und 7 Patienten blieben in der
Konsolidierungsphase.
Abbildung 1:
Darstellung der Phasenverläufe. Bei der Analyse der auf das Outcome wirkenden Faktoren wurden zahlreiche Faktoren aus verschiedenen Bereichen, wie z.B. Schwere der Erkrankung, Komplikationen, soziale Umstände und prämorbide Fähigkeiten der Persönlichkeit berücksichtigt. (Kap. 6.5) Eine Gesamtprognose ließ sich rückblickend nur unter Berücksichtigung der Faktorensumme, der Faktorensymphonie erkennen. Entwicklung in den Kunsttherapien aus der Sicht der Therapeuten und Patienten Alle Patienten
hatten mindestens eine Kunsttherapie. Alle Behandlungsverläufe der
Kunsttherapien wurden qualitativ phänomenologisch analysiert. Dabei
konnten in den Kunsttherapien Behandlungsphasen aufgezeigt werden, die
mit den Entwicklungsphasen der Rehabilitation synchron waren. Es wurden
vier Gruppen differenziert: Gruppe A: Erfolg
aus der Sicht der Therapeuten und der Patienten Gruppe B: Erfolg
aus der Sicht der Therapeuten Gruppe C: Erfolg
aus der Sicht der Patienten Gruppe D: keine
wesentliche positive Wirkung aus der Sicht der Therapeuten und der
Patienten
Bei der differenzierten Analyse der kunsttherapeutischen Wirkungen konnten subjektiv und objektiv beobachtete Fähigkeiten herausgearbeitet werden, die vergleichbar denen einer Psychotherapie waren. Neben deutlicher Verbesserung der Stimmungslage, einer Steigerung der Motivation und neuen seelischen Fähigkeiten, wie Humor, Kreativität, Mut und Eigeninitiative hatten die Kunsttherapien auch anregende Wirkungen auf körperliche Bewegungsmöglichkeiten. So beschrieben Patienten, übende Bewegungen „nebenbei“, Besserung der Atemtechnik und Bewegung unter Anerkennung der physischen Grenzen. Diese Wirkungen waren zu einem grossen Teil auch noch über den stationären Aufenthalt hinaus erlebbar. Zusammenfassung 13 der 21
Patienten profitierten eindeutig und über den stationären Aufenthalt
hinaus von einer der angewandten Kunsttherapien. Alle Patienten,
die sich in die Akzeptanz hinein entwickelten, hatten von mindestens einer
Kunsttherapie profitiert. Es konnten keine
eindeutigen Kriterien differenziert werden, die einen „Erfolg“ der
Kunsttherapie vorhersehbar machten. Kunsttherapien
haben Einfluss auf Symptome, die nicht rein physischer Art sind, sondern
Ausdruck einer psychophysischen Dysbalance. Sie können das Entstehen
einer neuen Balance und damit einer neuen Identität fördern. Leitlinien zur Verordnung von Kunsttherapien Jeder Patient
sollte die Möglichkeit haben, mindestens eine Kunsttherapie kennen zu
lernen. Zeitpunkt und Art
der Therapie sollten mit dem Patienten unter Berücksichtigung der Phasen
der Rehabilitation und seiner Persönlichkeit bestimmt werden. Nach 4-6 Stunden
sollte eine „freie“ Entscheidung für oder gegen die Therapie
erfolgen. Die Arbeit bietet
einen neuen Ansatz, den Rehabilitationsprozess übergreifend beschreiben
zu können und die Leistungen der verschiedenen Fachdisziplinen sinnvoll
integrieren zu können. Dies führt zu einer effektiveren, wie
effizienteren Arbeitsweise in einem schwierigen und belastenden Bereich
der Medizin. 1. Aldridge, D. (1999)
Musiktherapie in der Medizin, Forschungsstrategien und praktische
Erfahrung; Verlag Hans Huber, Bern 2. Petersen, P. und
Langerhorst, U.S. (1999) Heileurythmie- ihre Wirkung und ihre
wissenschaftliche Bewertung; Urachhaus, Stuttgart 3. Strauss, A. und Corbin,
J. (1996) Grundlagen qualitativer Sozialforschung; Beltz Psychologie
Verlags Union, Weinheim 4. Sturm, E. (1979)
Rehabilitation von Querschnittgelähmten, Eine medizinpsychologische
Studie; Verlag Hans Huber, Bern Basel, den 24.06.03 Anke Scheel-Sailer
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