Ludwig Guttmann - Preis

 

Ludwig- Guttmann- Preisträger 2003: Anke Scheel

 

Der Ludwig- Guttmann- Preis 2003 wurde an Frau Anke Scheel vergeben.

 

Welche therapeutischen Wirkungen haben Kunsttherapien in der Erstbehandlung querschnittgelähmter Patienten?

Eine qualitative Untersuchung von 21 am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke behandelten Patienten.


 

Lebenslauf von Anke Scheel

 

persönliche Angaben:

 

geboren am 11.08.1966 als erste von 2 Töchtern
in Dortmund
Familienstand verheiratet, 2 Kinder, geboren 1988 und 1990

 

Schulischer Werdegang

 

1972 - 1976 Berswordt Grundschule Dortmund
1976 - 1985 Stadtgymnasium Dortmund
Mai 1985 Allgemeine Hochschulreife ebenda

 

Beruflicher Werdegang

 

1985 - 1986 verschiedene Pflegepraktika in Krankenhäusern und Altenpflegeheimen in Dortmund, Kitzbühel (A) und Manchester (GB)
4/1986 - 4/1993 Studium der Humanmedizin an der Universität Witten/ Herdecke mit dem Abschluss des 3. Staatsexamens
4/1994 - 9/1995 Ärztin im Praktikum in der Inneren Abteilung des Evangelischen Krankenhauses Witten bei Prof. Dr. Gallenkamp
10/1995 - 8/1996 Assistenzärztin in der Psychiatrischen Abteilung für Jugendliche und Junge Erwachsene des Gemeinschafts- krankenhauses Herdecke bei Prof. Dr. Matthiessen
9/1996 - 9/1998 ssistenzärztin in der Chirurgie des GKH bei Dr. Möbius
8/1998 ABeginn einer Promotion mit dem Thema: "Welche therapeutischen Wirkungen haben Kunsttherapien in der Erstbehandlung Querschnittgelähmter Patienten?" Eine qualitative Untersuchung von 21 Patienten.
11/1999 - 10/2000 Praxisassistentin in der Allgemeinarztpraxis Dr.R.Maoz in Kirkel
21.3.2001 Anerkennung als Fachärztin für Allgemeinmedizin
seit 01.07.2001 Oberärztin, Abteilung Rückenmarksverletzte am REHAB Basel, Schweizer Paraplegiker Zentrum
Berufsbezogene Weiterbildung: psychosomatische Grundversorgung

 


Abstrakt

Kunsttherapien (Maltherapie, Musiktherapie und Heileurhythmie) ergänzen das Konzept der gängigen Be­hand­lung querschnittgelähmter Patienten am Gemein­schaftskrankenhaus Herdecke. In der folgenden Unter­suchung sind 21 Patienten in ihrer Rehabilitation nach dem Eintritt einer Querschnittlähmung nach qualitativer Methode unter besonderer Berücksichtigung der Kunst­therapien untersucht worden.

In einem ersten Schritt konnten typische Entwicklungs­phasen herausgearbeitet werden, die in Abhängigkeit der Schwere der Behinderung von unterschiedlicher Länge waren, aber bei jedem Patienten darstellbar waren. Aus diesen Rehabilitationsverläufen wurde die Einschätzung einer Prognose zur qualitativen Beschreibung kunsttherapeutischer Effizienz erarbeitet. In einem zweiten Schritt konnte dann dargestellt werden, dass die Patienten durch die Anregung der Kunsttherapien bestimmte Entwicklungs­schritte machen konnten, die ihnen eine Entwicklung in die Akzeptanz ermöglichten und damit zu einem besseren Outcome beitrugen. Ab­schließend konnten Leitlinien zur Verordnung von Kunsttherapien in der Erstrehabilitation querschnitt­gelähmter Patienten herausgearbeitet werden.

Methode

Die qualitative Methode nach Aldridge, Corbin und Strauss ermöglicht die Erfassung komplexer Wirkungs­zusammenhänge unter Berücksichtigung individueller Entwicklungen mit dem Ziel allgemeingültiger Gesetze.

Alle Patienten, die zwischen August 1996 und 1998 zur Erstrehabilitation nach neu eingetretener Querschnitt­lähmung im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke waren, wurden in die Untersuchung aufgenommen. Die Querschnitt­lähmungen waren traumatisch- oder krankheitsbedingt, Tumorerkrankungen wurden ausgeschlossen. Alle 21 Patienten hatten während ihrer Behandlung mindestens eine Kunsttherapie.

Die Untersuchung basiert auf drei Säulen:

1.      qualitative Analyse aller patientenbezogenen Aufzeichnungen

2.      Verlauf in den Kunsttherapien aus Sicht der Therapeuten

3.      Offene Interviews der Patienten ½ bis 1 Jahr nach der Entlassung.

Qualitative Analyse aller Krankengeschichten

Die Aufzeichnungen aller in der Rehabilitation tätigen Berufsgruppen (Ärzte, Pflegende, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Sozialarbeiter) aus ihrer (fach-)spezifischen Perspektive, ergänzt durch die interdisziplinären Gespräche wurden synchronisiert und parallelisiert. Diese Daten wurden in vier übergreifende Bereiche gegliedert (physische Grundlage, funktionelle Entwicklung, seelische Ebene, Ich Initiative). Aus dieser Übersicht ließen sich wochen­übergreifende Kategorien herauskristallisieren, so dass jede Rehabilitation in ihrem individuellen Verlauf beschrieben werden konnte. Anschliessend wurden alle Rehabilitationsverläufe synchronisiert und verglichen. Daraus konnte allgemein überindividuell Gültiges selektioniert werden.

Offene Interviews der Patienten nach der Entlassung

Um die Perspektive der Pflegenden, Therapeuten und Ärzte zu ergänzen, wurden ½ bis 1 Jahr nach der Entlassung offene Interviews mit den Patienten durchgeführt. Damit wurden die Wahrnehmungen des multiprofessionellen Teams durch die Eigenwahrnehmung und Bewertung des Patienten selber ergänzt. Damit konnte der Auswertung eine zusätzliche Dimension gegeben werden, um aus der primär subjektiv geprägten Wissenschaft eine Ergänzung hin zu mehr Objektivität zu geben.

Themen des Interviews waren

·        Allgemeine Eindrücke und Erlebnisse aus der ersten Zeit

·        Wirkungen der Kunsttherapien im Besonderen

·        Umgang mit einzelnen Symptomen

Anhand der aus der Analyse der Krankengeschichten entwickelten Kriterien konnten die Patienten somit in die verschiedenen Phasen eingeteilt und die Wirkungen der Kunsttherapien beurteilt werden.

Bei jedem Patienten zeigten sich folgende drei Phasen, bei einigen Patienten auch die vierte Phase:

1.      Akutphase: Erhaltung des Lebens im „neurogenen“ Schock

2.      Lernphase: ständiges Erringen neuer Fähigkeiten, ein Geschenk

3.      Konsolidierungsphase: Gewöhnung an ein Leben mit einer Behinderung.

4.      Akzeptanzphase: Sinngebung und Integration in die eigene Biographie

Tetraplegische Patienten zeigten längere Phasen, Patienten mit tiefer lumbaler Querschnittlähmung kürzere und zum Teil weniger intensive Phasen. Sowohl die Phasen als auch die Phasenübergänge waren an bestimmten Kriterien zu erkennen.

Zusammenfassend konnten 4 Gruppen differenziert werden: 6 Patienten entwickelten sich in die Akzeptanzphase, in der sie verblieben, 3 Patienten wurden in der Konsolidierungsphase entlassen und entwickelten sich eigenständig in die Akzeptanzphase, 5 Patienten entwickelten sich aus der Akzeptanzphase zurück in die Konsolidierungsphase und 7 Patienten blieben in der Konsolidierungsphase.

 

Abbildung 1: Darstellung der Phasenverläufe.

Bei der Analyse der auf das Outcome wirkenden Faktoren wurden zahlreiche Faktoren aus verschiedenen Bereichen, wie z.B. Schwere der Erkrankung, Komplikationen, soziale Umstände und prämorbide Fähigkeiten der Persönlichkeit berücksichtigt. (Kap. 6.5) Eine Gesamtprognose ließ sich rückblickend nur unter Berücksichtigung der Faktorensumme, der Faktorensymphonie erkennen.

Entwicklung in den Kunsttherapien aus der Sicht der Therapeuten und Patienten

Alle Patienten hatten mindestens eine Kunsttherapie. Alle Behandlungsverläufe der Kunsttherapien wurden qualitativ phänomenologisch analysiert. Dabei konnten in den Kunsttherapien Behandlungsphasen aufgezeigt wer­den, die mit den Entwicklungsphasen der Reha­bilitation synchron waren. Es wurden vier Gruppen differenziert:

Gruppe A: Erfolg aus der Sicht der Therapeuten und der Patienten

Gruppe B: Erfolg aus der Sicht der Therapeuten

Gruppe C: Erfolg aus der Sicht der Patienten

Gruppe D: keine wesentliche positive Wirkung aus der Sicht der Therapeuten und der Patienten

  Gruppe A Gruppe B Gruppe C Gruppe D
Maltherapie 4 1 2 3
Musiktherapie 6 1   3
Heileurythmie 6 3   4

Bei der differenzierten Analyse der kunsttherapeutischen Wirkungen konnten subjektiv und objektiv beobachtete Fähigkeiten herausgearbeitet werden, die vergleichbar denen einer Psychotherapie waren. Neben deutlicher Verbesserung der Stimmungslage, einer Steigerung der Motivation und neuen seelischen Fähigkeiten, wie Humor, Kreativität, Mut und Eigeninitiative hatten die Kunsttherapien auch anregende Wirkungen auf körperliche Bewegungsmöglichkeiten. So beschrieben Patienten, übende Bewegungen „nebenbei“, Besserung der Atemtechnik und Bewegung unter Anerkennung der physischen Grenzen. Diese Wirkungen waren zu einem grossen Teil auch noch über den stationären Aufenthalt hinaus erlebbar.

Zusammenfassung

13 der 21 Patienten profitierten eindeutig und über den stationären Aufenthalt hinaus von einer der angewandten Kunsttherapien.

Alle Patienten, die sich in die Akzeptanz hinein entwickelten, hatten von mindestens einer Kunsttherapie profitiert.

Es konnten keine eindeutigen Kriterien differenziert werden, die einen „Erfolg“ der Kunsttherapie vorhersehbar machten.

Kunsttherapien haben Einfluss auf Symptome, die nicht rein physischer Art sind, sondern Ausdruck einer psychophysischen Dysbalance. Sie können das Entstehen einer neuen Balance und damit einer neuen Identität fördern.

Leitlinien zur Verordnung von Kunsttherapien

Jeder Patient sollte die Möglichkeit haben, mindestens eine Kunsttherapie kennen zu lernen.

Zeitpunkt und Art der Therapie sollten mit dem Patienten unter Berücksichtigung der Phasen der Rehabilitation und seiner Persönlichkeit bestimmt werden.

Nach 4-6 Stunden sollte eine „freie“ Entscheidung für oder gegen die Therapie erfolgen.

Die Arbeit bietet einen neuen Ansatz, den Rehabilitationsprozess übergreifend beschreiben zu können und die Leistungen der verschiedenen Fachdisziplinen sinnvoll integrieren zu können. Dies führt zu einer effektiveren, wie effizienteren Arbeitsweise in einem schwierigen und belastenden Bereich der Medizin.

 

1. Aldridge, D. (1999) Musiktherapie in der Medizin, Forschungsstrategien und praktische Erfahrung; Verlag Hans Huber, Bern

2. Petersen, P. und Langerhorst, U.S. (1999) Heileurythmie- ihre Wirkung und ihre wissenschaftliche Bewertung; Urachhaus, Stuttgart

3. Strauss, A. und Corbin, J. (1996) Grundlagen qualitativer Sozialforschung; Beltz Psychologie Verlags Union, Weinheim

4. Sturm, E. (1979) Rehabilitation von Querschnittgelähmten, Eine medizinpsychologische Studie; Verlag Hans Huber, Bern

Basel, den 24.06.03

Anke Scheel-Sailer