Ludwig Guttmann - Preis

 

Ludwig Guttmann - Preisträger 2007:
Prof. Dr. med. Dieter Sauerwein und Prof. Dr. med. Manfred Stöhrer

 

Prof. Dr. med. Dieter Sauerwein

Prof. Dr. med. Manfred Stöhrer

Der Ludwig- Guttmann- Preis 2007 wurde
nach Beschluss des Preiskommités der DMGP
an Prof. Dr. med. Dieter Sauerwein und
Prof. Dr. med. Manfred Stöhrer vergeben.

 

 


 

L a u d a t i o

Ludwig-Guttmann-Preis 2007

an Prof. Dr. med. Dieter Sauerwein und Prof. Dr. med. Manfred Stöhrer

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

als ich die Einladung erhielt, die Ludwig Guttmann Preis-Laudatio zu halten, fiel mir spontan meine erste Begegnung mit den beiden Preisträgern ein.

Als ich Prof. Sauerwein und Prof. Stöhrer das erste Mal kennen lernte, haben sie Anfang der Neunziger gemeinsam einen Workshop durchgeführt, Mein erster Eindruck war: wie können 2 derart verschiedene Persönlichkeiten Experten für die gleiche Patientengruppe sein und die gleichen Ziele verfolgen ? Der Eine votierte wortgewaltig für das Durchschneiden der Nerven im Rückenmark, der andere sprach ausschließlich von Tabletten und Kathetern. Erst viel später, nachdem ich sehr viel lernen durfte, habe ich verstanden, dass sie eigentlich beide auf Ihre Art auf 2 verschiedenen Wegen dasselbe Ziel anstrebten. Übrigens habe ich später erfahren, dass es nicht nur mir so ging – auch die beiden Preisträger brauchten eine gewisse Zeit, um sich an das Konzept des anderen zu gewöhnen.

Von Anfang an haben sie für ihre Patienten gemeinsam gearbeitet und unermüdlich Aufklärungsarbeit geleistet. Man darf nicht vergessen – zur damaligen Zeit war Neuro-Urologie für die meisten deutschen Ärzte ein Fremdwort – auch für die meisten Urologen. Vor der Ära Sauerwein / Stöhrer galten Neuro-Urologen als funktionelle Doppellinkshänder, die im dunklen Keller obskure Dinge mit Kathetern in der Blase wehrloser Patienten trieben, an seltsamen, EKG-ähnlichen Kurven mystische Deutungen vornahmen, um dann den Patienten Behandlungen vorzuschlagen, die einem ordentlichen Urologen die Sprache verschlugen.

Durch die Arbeit der beiden Preisträger änderte sich die Situation vollständig. Beide stehen für eine revolutionäre Neuerung in der Behandlung. In den 60ern hatte Sir Brindley einen Blasenstimulator entwickelt, der querschnittgelähmten Patienten eine willkürliche Blasenentleerung ermöglichen sollte. Dieter Sauerwein begriff, dass die Speicherfunktion der Blase für die Prognose der Patienten viel entscheidender ist als die Entleerung, auch wenn die Miktion von Patienten und behandelnden Kollegen unmittelbar wahrgenommen werden konnte und daher für wichtiger gehallten wurde. Gegen teils erbitterte Widerstände und massive Skepsis begann er, als Urologe, das Rückenmark aufzumeißeln und gezielt Nerven zu zerstören. Heute wissen wir, was für ein Durchbruch in der Behandlung diese Erkenntnis brachte – damals brachte es überwiegend Anfeindungen. Dennoch hat Professor Sauerwein sein Konzept geradlinig und konsequent umgesetzt. Durch ihn wurde ein weitgehend unbekanntes Städtchen, dass Urologen höchstens als Kurort für Steinpatienten kannten, das weltweite Mekka der operativen Therapie der neurogenen Blasenfunktionsstörung.

Auch Murnau am Staffelsee gehörte nicht gerade zur Top Ten der bekanntesten deutschen Städte. Manfred Stöhrer ging hier jedoch seinen Weg der minimal invasiven Therapie konsequent weiter. Er wendete das Botulinum-Toxin, den meisten Mitbürgern eher als gefährliches Gift in Lebensmitteln oder als Wundermittel gegen Falten bekannt, zur Dämpfung der Detrusorüberaktivität an. Durch die klinische Anwendung dieser Technik konnte er unzähligen Patienten eine große Operation ersparen. Die Anwendung von Botulinumtoxin zur Therapie der Detrusorüberaktivität gilt mittlerweile als ein Meilenstein in der urologischen Therapie.

Beide Preisträger haben, obwohl sie aus eher kleinen Abteilungen kamen und primär die Versorgung ihrer Patienten in den Mittelpunkt stellten, die Neuro-Urologie auch wissenschaftlich konsequent vertreten. So haben beide einen Lehrauftrag für Neuro-Urologie erhalten, Prof. Sauerwein an der Universität Greifswald, Prof. Stöhrer an der Universität Essen. Dank ihrer Kompetenz wurden sie in zahlreiche nationale und internationale Fachgesellschaften berufen.
Trotz aller wissenschaftlichen Meriten, aller Preise und Ehrungen, haben beide stets den Patienten als Gesamtpersönlichkeit in den Mittelpunkt gestellt und ihm mit Verständnis und Empathie schwierige Situationen erleichtert. Daher sind beide in besonderem Maße geeignet, den Preis der DMPG zu erhalten: Sie verkörpern beide die Grundsätze dieser Gesellschaft: die optimale medizinische Versorgung rückenmarkverletzter Patienten und innovative Forschung. Außerdem sind sie beide Urologen. Sir Ludwig Guttmann hat neben vielen anderen Leistungen für rückenmarkverletzte Patienten besonders auf urologischem Gebiet Pionierarbeit geleistet – vor allen die Einführung des intermittierenden Katheterismus hat vielen Patienten das langfristige Überleben ermöglicht.

So ist es meines Erachtens nur konsequent, wenn 2 Pioniere der Neurourologie im deutschsprachigen Raum mit dem nach ihm benannten Preis ausgezeichnet werden

 

Pannek Jürgen